Manchmal passt einfach alles. Nur der Zeitpunkt nicht.
An eine Situation kann ich mich heute noch gut erinnern. Ich renovierte den ersten Stock unseres Hauses. Wir waren gerade dabei, einen neuen Boden zu verlegen und draußen lag eine der herrlichsten Winterlandschaften, die wir in unserer Region je hatten.
Ausgerechnet an diesem Tag.
Winter ist bei uns eher rar und dann liegt draußen diese Landschaft, bei der man am liebsten sofort die Kamera einpacken und losziehen würde. Klar hätte ich sagen können: Ich geh dann mal.
Aber manche Dinge müssen einfach erledigt werden. Also blieb die Kamera liegen und ich verlegte meinen Boden.
Eigentlich beschreibt diese Situation recht gut eine der größten Schwierigkeiten, die ich in der Naturfotografie sehe. Denn ein gutes Bild hängt nicht nur davon ab, ob man fotografieren kann. Es hängt von Zeit ab. Vom Wetter. Vom Motiv. Von der eigenen Verfassung. Von Verpflichtungen.
Und manchmal schlicht davon, ob all diese Dinge zufällig zur selben Zeit zusammenpassen.
Gar nicht so einfach.

Naturfotografie aus der Sicht eines Amateurs
Der Begriff Amateur ist vielleicht nicht ganz eindeutig. Im ursprünglichen Sinn ist damit jemand gemeint, der etwas aus Liebhaberei betreibt. Also nicht automatisch ein Anfänger oder jemand, der keine Ahnung von dem hat, was er tut.
Bei mir ist die Sache etwas komplizierter, weil ich die Fotografie auch nebenberuflich betreibe. Trotzdem passt für diesen Artikel die Sicht eines Amateurs ganz gut.
Denn ich bin kein Vollzeit-Naturfotograf, dessen beruflicher Alltag sich nach Wetter, Licht und möglichen Fototouren richten kann.
Mein Hauptjob ist ein anderer.
Und genau das verändert den kreativen Prozess gewaltig.
Zeit haben bedeutet noch lange nicht fotografieren können
Als Vollzeitbeschäftigter ist die Zeit für Naturfotografie begrenzt. Bei mir konzentriert sich vieles auf das Wochenende. Aber nur weil Samstag und Sonntag im Kalender stehen, bedeutet das noch lange nicht, dass diese beiden Tage automatisch für die Fotografie zur Verfügung stehen.
Es gibt eine Beziehung, Dinge zuhause, Verpflichtungen und ganz normalen Alltag. Und selbst wenn Zeit vorhanden wäre: Passt das Wetter? Das ist vielleicht eine der größten Gemeinheiten an der Naturfotografie. Die Natur interessiert sich herzlich wenig für meinen Kalender.
Unter der Woche kann draußen das beste Licht herrschen und am Wochenende hängt eine gleichmäßig graue Wolkendecke am Himmel. Oder ich hätte Zeit, aber die Bedingungen passen überhaupt nicht zu dem, was ich fotografieren möchte.
Wobei schlechtes Wetter natürlich ein sehr relativer Begriff ist.

Welches Wetter ist eigentlich das richtige?
Nicht jedes Motiv braucht dieselben Bedingungen.
In den Bergen gefallen mir beispielsweise Situationen mit Wolken und Sonne. Wenn Licht durch eine aufgebrochene Wolkendecke fällt und einzelne Bereiche einer Landschaft beleuchtet, entstehen für mich viel interessantere Möglichkeiten als unter einem wolkenlosen blauen Himmel.
Im Wald kann die Sache schon wieder völlig anders aussehen.
Regen, Nebel und feuchte Bedingungen können dort genau jene Stimmung bringen, nach der ich suche. Ein Wetter, bei dem eine Bergtour vielleicht fotografisch wenig interessant erscheint, kann im Wald plötzlich hervorragend funktionieren.
Bei abstrakter Fotografie oder Detailaufnahmen brauche ich wiederum nicht unbedingt dramatisches Licht. Gleichmäßiges Licht kann dort viel besser zu dem passen, was ich fotografieren möchte.
Es gibt also nicht dieses eine perfekte Fotowetter. Es gibt Bedingungen, die zu einem bestimmten Motiv passen.
Was die Sache allerdings nicht unbedingt einfacher macht.
Denn jetzt brauche ich nicht nur freie Zeit und interessantes Wetter. Ich brauche auch noch das richtige Wetter für die Art von Fotografie, die ich gerade machen möchte.
Und selbst wenn das alles zusammenpasst, fehlt noch etwas.
Der Kopf muss auch mitspielen
Für mich bedeutet Naturfotografie nicht, irgendwo eine freie Stunde im Kalender zu entdecken und schnell mit der Kamera loszufahren.
Ich muss mich darauf einstellen können.
Ich möchte mir Zeit nehmen. Ich möchte fotografieren können, ohne ständig auf die Uhr zu schauen und ohne jemanden damit zu nerven, weil er irgendwo auf mich warten muss.
Ich möchte mich auf das konzentrieren können, was vor mir liegt.
Auf das Motiv. Das Licht. Die Landschaft.
Ich möchte die Naturfotografie genießen können.
Nur dann ist sie für mich auch das, was sie sein soll. Etwas, das meinem Wohlbefinden guttut und nicht noch ein weiterer Termin ist, der irgendwo zwischen andere Verpflichtungen gequetscht wird.
Vielleicht gehört für mich auch dieses Gefühl von Abenteuer dazu. Rauszugehen, unterwegs zu sein und nicht genau zu wissen, was am Ende dabei herauskommt.
Aber dafür muss ich es auch wirklich wollen.
Freie Zeit allein reicht nicht.

Und dann muss man erst einmal zum Motiv kommen
Bei all den mentalen Dingen gibt es natürlich auch noch die körperliche Seite.
Naturfotografie findet nun einmal selten von der Couch aus statt.
Ob es eine zehn Kilometer lange Wanderung mit schwerem Fotorucksack ist oder vielleicht ein achtstündiger Flug, bevor man überhaupt dort angekommen ist, wo man fotografieren möchte. Oft steckt hinter einem einzigen Bild deutlich mehr Aufwand, als später zu sehen ist.
Man trägt Ausrüstung. Man marschiert. Man wartet. Man fährt irgendwohin. Man plant.
Und wofür?
Ach ja.
Für ein Bild.
Für eine einzelne Fotografie.
Das finde ich manchmal durchaus bemerkenswert. Vor allem in einer Zeit, in der wir mit Bildern regelrecht überschüttet werden.
Ich habe zumindest das Gefühl, dass der gesellschaftliche und vielleicht auch der künstlerische Wert eines einzelnen Fotos gesunken ist.
Ein Bild erscheint, wird angesehen und kurz darauf kommt bereits das nächste.
Und das nächste.
Und das nächste.
Trotzdem schleppen wir unsere Ausrüstung durch die Gegend und investieren Stunden, manchmal Tage, in die Hoffnung auf genau dieses eine Bild.
Immer auf der Jagd nach der Superlative
Damit kommt für mich noch eine andere Schwierigkeit hinzu.
Der Druck, gut sein zu müssen.
Oder vielleicht besser gesagt, der Druck, bei jeder Fototour mit einem atemberaubenden Bild nach Hause kommen zu müssen.
Jeden Tag sieht man Bilder der Superlative. Ein Bild gewaltiger als das andere.
Kürzlich habe ich beispielsweise wieder Arbeiten von Marc Adamus und Joseph Rossbach gesehen. Da kann schnell der Eindruck entstehen, diese Fotografen würden einfach hinausgehen und bei jeder Tour mindestens ein Hammerbild mit nach Hause bringen.
Aber dieser Vergleich hat einen entscheidenden Haken.
Marc Adamus arbeitet laut seiner eigenen Biografie seit vielen Jahren als Vollzeit-Landschaftsfotograf. Auch Joseph Rossbach beschreibt sich als langjährigen Vollzeitprofi und verbringt nach eigenen Angaben einen großen Teil des Jahres draußen.
Das soll deren Arbeit keineswegs kleiner machen. Im Gegenteil. Aber die Voraussetzungen sind völlig andere.
Wenn ich hauptsächlich das Wochenende zur Verfügung habe, dann entscheidet das Wetter vielleicht über zwei mögliche Tage. Sind diese beiden Tage ungeeignet oder anderweitig verplant, war es das für diese Woche.
Ein Vollzeitfotograf hat andere Möglichkeiten, auf Bedingungen zu reagieren und zur richtigen Zeit draußen zu sein. Nicht weil er ständig Freizeit hätte, sondern weil die Fotografie Teil seines Berufs ist.
Allein dieser Unterschied verändert die Chancen erheblich. Trotzdem sieht man am Ende die fertigen Bilder. Eines nach dem anderen.
Und daraus entsteht schnell der Eindruck, dass außergewöhnliche Bilder der Normalzustand wären.

Wenn draußen alles passt und drinnen der Boden wartet
Dann denke ich wieder an diesen Wintertag zurück. Draußen lag diese herrliche Winterlandschaft. Genau jene Bedingungen, auf die man vielleicht wochenlang wartet. Und ich stand im Haus und verlegte einen Boden.
Natürlich hätte ich alles liegen lassen können. Aber so funktioniert das Leben nicht immer. Manche Dinge müssen erledigt werden. Manche Verpflichtungen lassen sich nicht verschieben. Und die Natur wartet deswegen nicht auf das nächste Wochenende.
Genau darin liegt für mich ein großer Teil der Herausforderung.
Naturfotografie besteht nicht nur daraus, eine Kamera zu beherrschen oder eine gute Bildkomposition zu finden. Der kreative Prozess beginnt viel früher.
Zeit finden. Die passenden Bedingungen erwischen. Das richtige Motiv für diese Bedingungen finden. Dorthin kommen. Und auch mental bereit dafür sein.
Dazu kommt die eigene Erwartung. Der Wunsch, nicht einfach mit irgendeinem Bild nach Hause zu kommen, sondern möglichst mit etwas Besonderem.
Vielleicht sogar mit der nächsten Superlative.
Und wie gehe ich mit diesem Druck um?
Eine gute Frage.
Ich glaube, so richtig habe ich darauf noch keine Antwort gefunden.
Ich versuche, so gut es geht alles unterzubringen und gleichzeitig zu akzeptieren, dass ich keine 180 Tage im Jahr zur Verfügung habe, um draußen mit der Kamera mein Glück zu versuchen.
Natürlich kann man sich so ein Leben wünschen. Sehr sogar. Aber irgendwann muss man sich an der eigenen Realität orientieren.
Mein Hauptjob verschwindet nicht. Meine Beziehung und andere Verpflichtungen ebenfalls nicht. Und ich möchte auch nicht jede freie Minute automatisch der Fotografie unterordnen, nur weil draußen vielleicht gerade irgendwo gutes Licht herrscht.
Was ich inzwischen versuche, ist bewusster vorzugehen.
Wenn ich ernsthaft neue und interessante Bilder kreieren möchte, wähle ich Location und Zeitraum gezielter aus. Ich überlege mir genauer, was ich fotografieren möchte und welche Bedingungen dafür sinnvoll wären.
Damit steigt natürlich noch lange nicht die Garantie, mit einem starken Bild nach Hause zu kommen. Die gibt es in der Naturfotografie ohnehin nicht. Aber ich kann zumindest versuchen, die wenigen Möglichkeiten, die ich habe, besser zu nutzen.
Vielleicht ist das momentan meine Antwort auf diesen Druck.
Nicht so zu tun, als hätte ich dieselben Voraussetzungen wie jemand, der einen großen Teil des Jahres draußen fotografieren kann.
Nicht jeder verpassten Lichtstimmung hinterherzutrauern. Aber auch nicht den Anspruch aufzugeben, interessante Bilder machen zu wollen. Sondern bewusster auszuwählen, wann und wo ich meine Zeit investiere. Denn am Ende muss meine Fotografie in mein Leben passen.
Nicht mein ganzes Leben in die Fotografie.

Hallo Herr Weginger!
Vielen Dank für den Blog und die wunderschönen Fotos!
Besonders das Winterfoto mit dem leuchtenden rosa Himmel hat es mir angetan!
Ich kann gut verstehen, dass der Spagat zwischen Job, Alltag und Fotografie riesig ist. Manchmal muss die Kamera leider warten, wenn andere Verpflichtungen rufen.
Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen – Ihre Bilder sind den großen Aufwand jedes Mal wert!
Viel Erfolg noch beim Handwerken und bis zum nächsten Mal.
Hallo Josef,
Vielen Dank. Mit der Zeit findet man einen Rhythmus, eine Möglichkeit, alles unter einen Hut zu bringen. Vielleicht nicht immer so, wie man es gerne hätte, aber mit einem akzeptablen Kompromiss. Der Artikel war gedacht für Menschen, die mit einem ähnlichen Problem zu kämpfen haben.
Grüße Jürgen