Es war wieder einmal Zeit für einen Sonnenaufgang in den Bergen. Es ist schon eine Weile her, dass ich mein Glück versuchte und zwar beim Schiederweiher in Hinterstoder. Damals war es ein wundervoller Sonnenaufgang, allerdings ohne Wolken.
Diesmal führte mich mein Weg nach Obertauern, zu einem Platz, den ich bereits im Vorfeld ausgekundschaftet hatte.
Um rechtzeitig vor Ort zu sein und trotzdem nicht mitten in der Nacht von zuhause wegfahren zu müssen, nahm ich mir einen Campingplatz in Radstadt. Von dort waren es nur ungefähr 18 Minuten bis zu meinem Fotospot. Eine ziemlich bequeme Lösung, denn auch wenn der Wecker trotzdem früh klingelte, musste ich zumindest nicht noch stundenlang durch die Gegend fahren.
Früh genug vor Ort
Gegen 4:45 Uhr stand ich auf, machte mich fertig und fuhr Richtung Obertauern.
Ich bin bei Sonnenaufgängen grundsätzlich lieber etwas zu früh als zu spät vor Ort. Nicht nur, weil ich genügend Zeit haben möchte, meine Ausrüstung aufzubauen und mir in Ruhe meinen Bildausschnitt zurechtzulegen. Oft entstehen bereits weit vor dem eigentlichen Sonnenaufgang interessante Stimmungen.
Die Dämmerung, die ersten Farben am Himmel oder Wolken, die langsam Struktur bekommen. Manchmal passiert das interessanteste Licht sogar noch bevor die Sonne überhaupt über den Horizont kommt.
Also lieber etwas früher aufstehen und vor Ort warten, als genau dann anzukommen, wenn das beste Licht bereits wieder verschwunden ist.
An diesem Morgen sah es zunächst allerdings etwas schwierig aus.

Die Wolken lösten sich teilweise wieder auf und für einen kurzen Moment hatte ich schon die Befürchtung, dass ich wieder einmal vor einem mehr oder weniger wolkenfreien Himmel stehen würde. Genau das, was ich bei solchen Landschaftsaufnahmen eigentlich nicht unbedingt haben möchte.
Dann kamen die Wolken wieder zurück. Und plötzlich sah die Sache wesentlich besser aus. Über den Bergen bildete sich ein wunderschöner Wolkenhimmel und eigentlich waren die Voraussetzungen genau so, wie ich sie mir gewünscht hatte.
Zumindest fast.
Wann geht die Sonne wirklich auf?
Meine Wetter-App und auch meine Garmin gaben den Sonnenaufgang mit ungefähr 6:21 Uhr an.
Also wartete ich.
6:21 Uhr kam.
Und eigentlich passierte… nichts.
Zumindest nicht auf meinem Motiv.

Hinter mir konnte ich teilweise beobachten, wie sich einzelne Wolken leicht rosa verfärbten. Vor mir lagen die Berge aber weiterhin mehr oder weniger im Schatten.
Also öffnete ich die SunOnTrack-App. Diese berücksichtigt den Standort beziehungsweise die Umgebung genauer und zeigte mir für meinen Platz einen etwas späteren Zeitpunkt an. Ungefähr gegen 6:33 Uhr sollte die Sonne tatsächlich eine Rolle spielen.
Das kam der Realität schon wesentlich näher. Trotzdem dauerte es noch etwas länger, bis das Licht schließlich die Berggipfel erreichte.
Aber dann ging es los.
Ein schmales Band aus Licht
Das Licht kam von rechts und zog langsam über das Gebirge nach links.
Dabei wurde aber nicht die komplette Berglandschaft beleuchtet. Es war vielmehr ein relativ schmales Band aus Licht, das einzelne Bereiche der Berge traf.
Die Sonne dürfte irgendwo zwischen den Wolken eine kleine Lücke gefunden haben. Gerade groß genug, um einen Teil der Landschaft zu beleuchten.

Und genau das machte die Situation so interessant.
Keine gleichmäßig beleuchtete Bergkette. Kein großes, flächiges Morgenlicht.
Stattdessen wanderte dieses Licht langsam über die Landschaft und hob immer wieder andere Bereiche hervor. Ich konnte beobachten, wie sich das Bild ständig leicht veränderte.

Es war eine dieser Situationen, bei denen die Wolken dafür sorgen, dass aus normalem Sonnenlicht plötzlich etwas Besonderes wird.
Das Problem mit den Erwartungen
Genau solche Situationen zeigen mir immer wieder, wie gefährlich zu genaue Erwartungen in der Naturfotografie sein können. Natürlich braucht man eine Vorstellung davon, was man fotografieren möchte. Man plant einen Platz, überprüft das Wetter und versucht einzuschätzen, welche Bedingungen entstehen könnten.
Aber irgendwann entsteht aus dieser Planung sehr schnell eine Erwartung. Und aus der Erwartung wird im Kopf bereits ein fertiges Bild. Genau dann läuft man Gefahr, enttäuscht zu werden. Nicht weil die tatsächliche Situation schlecht wäre, sondern einfach nur, weil sie anders ist.
Hätte ich mich an diesem Morgen ausschließlich auf mein erhofftes Alpenglühen konzentriert, wäre ich wahrscheinlich enttäuscht wieder nachhause gefahren. Dabei wäre das eigentlich ziemlich absurd gewesen. Denn vor mir spielte sich gleichzeitig eine wunderschöne Lichtstimmung ab. Sie entsprach lediglich nicht der Vorstellung, die ich mir vorher zurechtgelegt hatte.
Vielleicht ist genau das eine der Fähigkeiten, die man in der Naturfotografie lernen muss, vorbereitet zu sein, ohne sich zu sehr darauf festzulegen, was passieren soll. Eine Vorstellung haben, aber trotzdem offen bleiben für das, was tatsächlich passiert.
Denn die Natur weiß nichts von unseren Plänen.
Zufrieden zurück zum Campingplatz
Am Ende bin ich wirklich glücklich mit den Bildern, die an diesem Morgen entstanden sind. Es war nicht der Sonnenaufgang, den ich mir vorher vorgestellt hatte. Aber es war ein Sonnenaufgang, den ich genau so gerne mitnehme.
Vielleicht gefällt mir die tatsächliche Situation sogar deshalb so gut, weil sie etwas weniger vorhersehbar war. Dieses schmale Band aus Licht, das sich langsam über die Berge bewegte, hatte seinen ganz eigenen Charakter.
Nachdem das beste Licht vorbei war, packte ich meine Ausrüstung wieder zusammen und machte mich auf den Weg zurück zum Campingplatz.
Dort wartete ein gemütliches Frühstück auf mich. Danach wird zusammengepackt und anschließend geht es wieder nach Hause.



Naturfotografie lernt man am besten draußen
Solche Situationen lassen sich nur schwer planen. Licht verändert sich, Erwartungen erfüllen sich nicht und manchmal entsteht gerade daraus das bessere Bild. Genau mit solchen Dingen beschäftige ich mich auch in meinen privaten Fotoworkshops: Motivfindung, Bildkomposition, Licht und die Entscheidungen, die man direkt vor Ort treffen muss.
Wenn du deine Naturfotografie einmal gemeinsam mit mir draußen in der Praxis weiterentwickeln möchtest, findest du hier alle Informationen zu meinen privaten Fotoworkshops.
