Der zweite Tag meines kleinen Bergabenteuers in den Tiroler Alpen begann wieder einmal recht früh. Nach dem gestrigen Sonnenuntergang wollte ich natürlich auch einen Sonnenaufgang fotografieren. Die Wettervorhersage versprach allerdings wenig Gutes. Eine dichte Wolkendecke sollte die Berge verhüllen und die Chancen auf einen schönen Sonnenaufgang waren dementsprechend gering.
Trotzdem machte ich mich noch in der Dunkelheit auf den Weg. Ich hatte mir für diesen Morgen keinen bestimmten Fotospot ausgesucht. Eigentlich ein Fehler, denn normalerweise versuche ich bereits am Vortag herauszufinden, wo die Sonne aufgehen wird und welche Berge oder Landschaftsteile vom ersten Licht profitieren könnten.
Mein erster Weg führte mich zum Drachensee, nur wenige Gehminuten von der Coburger Hütte entfernt. Der See liegt allerdings in einem Talkessel, umgeben von hohen Bergen, was die Sache mit dem Sonnenaufgang nicht unbedingt einfacher macht.
Ich überlegte nicht lange und entschied mich für einen anderen Standort. Auf dem gleichen Weg, den ich bereits am Vortag für den Sonnenuntergang genutzt hatte, fand ich schließlich eine Stelle, die durchaus interessant aussah.
Ein Blick auf PhotoPills zeigte mir, dass die aufgehende Sonne einen Berghang auf der gegenüberliegenden Seite beleuchten sollte. Zumindest dann, wenn sie es durch die dichte Wolkendecke schaffen würde.
Und genau darin lag das Problem.
Warten auf das erste Licht
Die Berge lagen unter einer dichten Wolkendecke und die Gipfel verschwanden teilweise im Nebel. Allerdings gab es am Horizont eine kleine Lücke zwischen den Wolken. Meine Hoffnung war, dass die Sonne genau durch diese Öffnung scheinen und den gegenüberliegenden Berghang für einige Minuten beleuchten würde.

Solche Situationen gefallen mir in der Landschaftsfotografie besonders gut. Eine weitgehend dunkle Landschaft, dicke Wolken am Himmel und ein einzelner Berg, der von der Sonne beleuchtet wird. Das Zusammenspiel zwischen Licht und Schatten kann dabei eine enorme Wirkung entfalten.
Allerdings wusste ich auch, dass dieses Zeitfenster, sollte es überhaupt entstehen, äußerst kurz sein würde. Sobald die Sonne etwas höher stieg, würde sie wieder hinter der Wolkendecke verschwinden.
Zehn Minuten nach dem eigentlichen Sonnenaufgang war allerdings klar, dass daraus wohl nichts mehr werden würde. Die Sonne schaffte es nicht durch die Wolkendecke und die Berge blieben im Schatten.
Ein ganzer Tag zum Erkunden
Einer der großen Vorteile, wenn man mehrere Nächte auf einer Berghütte verbringt, ist die Zeit, die einem zur Verfügung steht. Normalerweise wandert man auf eine Hütte, verbringt dort eine Nacht und macht sich am nächsten Tag wieder auf den Weg ins Tal. Viel Zeit für die eigentliche Fotografie bleibt dabei oftmals nicht. Ich hatte diesmal bewusst mehr Zeit eingeplant.
Den ganzen Tag konnte ich damit verbringen, die Umgebung der Coburger Hütte zu erkunden, nach interessanten Motiven Ausschau zu halten und mir mögliche Standorte für den Sonnenuntergang zu suchen. Allerdings musste ich feststellen, dass ich mir die Gegend etwas anders vorgestellt hatte.
Aufgrund der vielen Berge und Seen war ich der Meinung, dass es hier unzählige Möglichkeiten zum Fotografieren geben müsste. Tatsächlich ist die Umgebung aber recht kompakt und die Auswahl an unterschiedlichen Standorten war zumindest in unmittelbarer Nähe der Hütte etwas begrenzter, als ich ursprünglich angenommen hatte.
Auf einem kleinen Hügel, nicht weit von der Hütte entfernt, hatte ich einen wunderbaren Blick auf die umliegende Berglandschaft. Die Gipfel waren zwar teilweise in Wolken gehüllt, aber die Stimmung gefiel mir ausgesprochen gut.
Ich mag solche Wetterlagen in den Bergen. Ein bedeckter Himmel, Nebelschwaden zwischen den Bergen und diese etwas mystische Stimmung, wenn es aussieht, als könnte es jeden Moment zu regnen beginnen.
Als Wanderer kann ich solche Tage durchaus genießen. Fotografisch gesehen ist es allerdings eine andere Geschichte. Ohne interessantes Licht und mit Bergen, deren Gipfel vollständig in den Wolken verschwinden, wird die Landschaftsfotografie schwierig. Es fehlt oftmals an markanten Strukturen, Kontrasten und vor allem an Tiefe.
Türkisgrünes Wasser und unzählige Steine
Was mir am Drachensee besonders gefällt, ist die Farbe des Wassers. Je nach Lichteinfall erscheint es türkis bis smaragdgrün und an einigen Stellen kann man die Steine unter der Wasseroberfläche wunderbar erkennen.

Bereits von einem etwas erhöhten Standort hatte ich einige Aufnahmen gemacht. Besonders die Spiegelungen der umliegenden Felsen sahen von dort oben interessant aus. Also marschierte ich hinunter zum See, um mir das Ganze aus der Nähe anzusehen. Allerdings musste ich feststellen, dass die Spiegelungen am Ufer nicht mehr so schön ausgeprägt waren.
Obwohl kaum Wind herrschte, bewegten sich unzählige kleine Wellen über die Wasseroberfläche. Diese reichten bereits aus, um die Spiegelungen der Berge und Felsen weitgehend zu zerstören.
Ich versuchte es zunächst mit einer längeren Brennweite von einem erhöhten Standort aus. Aber so richtig zufrieden war ich mit dem Ergebnis nicht.
Natürlich könnte man versuchen, mit einem Graufilter eine längere Belichtungszeit zu erreichen und damit die Wasseroberfläche zu glätten. Wenn allerdings bereits mit freiem Auge kaum eine Spiegelung erkennbar ist, wird auch eine Langzeitbelichtung keine Wunder vollbringen.
Also musste eine andere Idee her.
Die Steine als Hauptmotiv
An einer Stelle des Seeufers lagen unzählige Steine und Felsen im kristallklaren Wasser. Dahinter ging die Farbe des Sees langsam in ein wunderschönes Türkisgrün über. Genau das wollte ich fotografieren. Meine Idee war, mit dem Weitwinkelobjektiv möglichst nahe an die Steine heranzugehen und diese als dominanten Vordergrund in meine Bildkomposition einzubauen. Ich montierte mein 16–35-mm-Objektiv und suchte mir einen geeigneten Platz zwischen den Felsen. Gar nicht so einfach, denn der Untergrund war ziemlich uneben und ich musste aufpassen, wo ich meine Füße und vor allem mein Stativ platzierte.

Was mir an dieser Bildkomposition gefiel, waren die unterschiedlichen Formen der Steine. Sie bildeten beinahe ein natürliches Muster, das sich vom Vordergrund bis weiter in den See hinein erstreckte. Mit 16 mm Brennweite konnte ich diesen Effekt noch verstärken.
Durch die kurze Brennweite und den geringen Abstand zum Vordergrund wirken die Steine größer und werden optisch etwas in die Länge gezogen. Dadurch entsteht eine stärkere Tiefenwirkung und der Blick des Betrachters wird regelrecht in das Bild hineingezogen.
Die umliegenden Berge wollte ich ebenfalls im Bild haben, allerdings nur so weit, dass die große weiße Wolkenwand möglichst außerhalb meines Bildausschnittes blieb.
Mit dem Polfilter die Steine sichtbar machen
Für diese Aufnahme verwendete ich zunächst einen normalen Polfilter. Dieser hat gerade bei solchen Motiven einen entscheidenden Vorteil. Durch die Reduzierung der Reflexionen auf der Wasseroberfläche werden die darunterliegenden Steine wesentlich besser sichtbar. Ohne Polfilter würde sich der Himmel auf dem Wasser spiegeln und die herrlichen Farben und Strukturen darunter teilweise verdecken.
Allerdings wollte ich noch etwas anderes erreichen.
Die Wasseroberfläche sollte möglichst glatt werden.
Deswegen tauschte ich den normalen Polfilter gegen meinen sogenannten Dark Polarizer aus. Dabei handelt es sich um einen Polfilter mit integriertem 5-Stopp-Graufilter. Damit kann ich nicht nur die Reflexionen kontrollieren, sondern gleichzeitig die Belichtungszeit verlängern. Aus ursprünglich ungefähr 0,3 Sekunden wurden schließlich bis zu 13 Sekunden Belichtungszeit.
Ein gewaltiger Unterschied.
Durch diese lange Belichtungszeit verschwanden die kleinen Wellenbewegungen und die Wasseroberfläche wurde wesentlich ruhiger.
Meine Kameraeinstellungen lagen bei ISO 50, Blende 11 und einer Belichtungszeit von ungefähr 10 bis 13 Sekunden.
Die Schärfe legte ich bewusst auf die Felsen im Vordergrund. Die Berge im Hintergrund waren mir bei dieser Aufnahme weniger wichtig. Sie sollten lediglich die Landschaft ergänzen.
Wenn die Wolken doch noch etwas Licht durchlassen
Während ich weiter am Seeufer entlangwanderte und nach anderen Steinformationen Ausschau hielt, veränderte sich langsam die Stimmung. Die Wolkendecke begann stellenweise etwas aufzureißen und plötzlich wurden sogar einige Berggipfel sichtbar. Es war zwar immer noch kein besonders gutes Fotolicht vorhanden, aber die Landschaft wirkte mit einem Mal wesentlich interessanter. Vor allem auf der Wasseroberfläche entstanden jetzt wunderbare Reflexionen.
Also suchte ich mir einen weiteren Standort und versuchte, diese Stimmung einzufangen.

Wieder verwendete ich meinen Dark Polarizer, diesmal allerdings weniger, um die Spiegelungen zu reduzieren, sondern hauptsächlich wegen der längeren Belichtungszeit. Ich wollte die Wasseroberfläche beruhigen und die teilweise im Nebel verschwindenden Berge mit ihren Reflexionen festhalten.
Wie so oft war es gar nicht so einfach, den passenden Bildausschnitt zu finden.
Ein störendes Schotterfeld am Bildrand musste verschwinden, ohne dass dabei die eigentliche Bildkomposition darunter litt.
Nach einigen Positionswechseln hatte ich schließlich einen Bildausschnitt gefunden, der mir gefiel.
Die Wolken schoben sich wieder vor die Berggipfel und die interessante Stimmung war dahin. Zumindest eine Aufnahme hatte ich bereits im Kasten.
Spiegelungen und abstrakte Bildkompositionen
An einigen Stellen des Seeufers spiegelten sich größere Felsblöcke wunderschön im Wasser. Durch die türkisgrüne Farbe entstand eine interessante Kombination aus Formen, Farben und Reflexionen.
Was mich an solchen Motiven besonders fasziniert, ist die Möglichkeit, mit einem engen Bildausschnitt beinahe abstrakte Aufnahmen zu kreieren. Man erkennt auf den ersten Blick vielleicht gar nicht mehr, was genau fotografiert wurde. Sind das Felsen? Liegen sie unter Wasser oder handelt es sich um eine Spiegelung?
Gerade solche Bilder gefallen mir ausgesprochen gut.
Bei der Bildkomposition gibt es hier allerdings eine Besonderheit. Normalerweise versuche ich, den Horizont nicht genau in der Bildmitte zu platzieren. Je nachdem, welcher Teil der Landschaft interessanter ist, bekommt entweder der Vordergrund oder der Himmel mehr Platz im Bild. Bei Spiegelungen kann es allerdings durchaus sinnvoll sein, genau das Gegenteil zu machen.

Wenn die Spiegelachse exakt in der Bildmitte liegt, erhalten das eigentliche Motiv und seine Spiegelung den gleichen Raum. Dadurch entsteht eine fast perfekte Symmetrie. Gerade bei den Felsblöcken am Drachensee funktionierte das ausgesprochen gut.
Ich versuchte, den Bildausschnitt möglichst eng zu wählen und einige markante Felsen mit ihren Spiegelungen in meine Komposition einzubauen.
Es entstanden noch einige Aufnahmen, bevor ich mich langsam wieder auf den Rückweg machte.
Nicht jeder Fototag braucht einen spektakulären Sonnenaufgang
Wenn ich auf diesen Vormittag zurückblicke, war er fotografisch gesehen eigentlich alles andere als ideal.
Der erhoffte Sonnenaufgang blieb aus, die Berggipfel verschwanden immer wieder in den Wolken und wirklich interessantes Licht war nur selten vorhanden. Trotzdem konnte ich einige Motive entdecken, mit denen ich durchaus zufrieden war. Vor allem die Aufnahmen direkt am Drachensee hatten ihren Reiz.
Vielleicht war es sogar ganz gut, dass das Licht nicht mitspielte. Denn dadurch musste ich mich etwas intensiver mit den kleineren Motiven beschäftigen, anstatt ständig auf das große Bergpanorama zu warten.
Genau das gefällt mir an der Naturfotografie. Man hat vielleicht eine bestimmte Vorstellung von einem Bild im Kopf, aber die Natur hält sich nun einmal nicht an unsere Pläne. Manchmal bekommt man das Licht, auf das man gehofft hat. Und manchmal muss man sich eben nach anderen Motiven umsehen.
Zum Glück hatte ich diesmal genügend Zeit dafür.
Und schließlich war der Tag noch lange nicht vorbei.







Hallo, Jürgen,
vielen Dank, dass ich auf deinem Ausflug teilnehmen durfte – habe mit Begeisterung deine Landschaftsaufnahmen genossen – auch wegen der ungünstigen Umstände.
Weiterhin Gut‘ Licht
und tschüs mit lieben Grüßen Otmar aus dem Breisgau.
Hallo Otmar,
Vielen Dank, immer wieder gerne. Ein paar Videos kommen noch von der Coburger Hütte.