Hauptmotiv versus Aufmerksamkeit – Gibt es immer ein Hauptmotiv?
Als Anfänger lernt man oft, dass ein Bild immer ein Hauptmotiv haben sollte. Etwas, auf das der Blick des Betrachters fällt und gezielt gelenkt wird. Ein Objekt oder eine Person – auf jeden Fall etwas Greifbares und Dominantes.

Viele Fotobücher sprechen vom Hauptmotiv, ohne genau zu definieren, was damit eigentlich gemeint ist. Wovon sprechen wir also, wenn wir von einem Hauptmotiv sprechen?
Der Duden kennt zwar das Wort Hauptmotiv, allerdings nicht speziell im fotografischen Sinn. Dort bedeutet es sinngemäß: Hauptmotiv = das wichtigste oder vorherrschende Motiv.
Am Anfang hatte ich damit keine Probleme. Ich suchte mir ein Hauptmotiv, platzierte es nach der Drittelregel und fertig war mein Bild. Doch je länger ich fotografierte, desto schwieriger wurde es für mich, das klassische Hauptmotiv in meinen Bildern zu definieren. Meine Bilder wurden komplexer und raffinierter. Ich konzentrierte mich zunehmend auf die Bildkomposition, auf das, was im Bild zu sehen ist und wie alle Elemente miteinander harmonieren. Darauf, wie sich verschiedene Objekte zueinander verhalten, sich ergänzen und gemeinsam ein ausgewogenes Gesamtbild ergeben.
Mit der Zeit begann ich deshalb immer häufiger von Aufmerksamkeit zu sprechen. Für mich ist sie der übergeordnete Begriff. Aufmerksamkeit beschreibt alles, was den Blick des Betrachters zuerst oder besonders stark anzieht – unabhängig davon, ob es sich um ein Objekt handelt oder nicht.
Wenn das Hauptmotiv eindeutig ist

Bei diesem Bild ist die Sache eindeutig und entspricht der umgangssprachlichen Verwendung des Begriffs Hauptmotiv. Der Admonter Reichenstein ist hier klar der Star der Show, besonders in Verbindung mit dem herrlich orangefarbenen Licht kurz vor Sonnenuntergang.
Wenn man hier von einem Hauptmotiv spricht, dann handelt es sich eindeutig um ein Objekt, um etwas Greifbares, zumindest im übertragenen Sinn. Es gibt ein klar erkennbares Bildelement, auf das die Aufmerksamkeit des Betrachters gelenkt wird. Nichts Vages oder schwer Fassbares. Der Betrachter sieht das Bild und sein Blick wandert sofort zum Berg.
Hauptmotiv oder visueller Anker?

Nun wird es etwas komplizierter. Wenn du dieses Bild betrachtest und das Hauptmotiv bestimmen müsstest, worauf würdest du tippen? Vermutlich auf den Baum, der markant in der Landschaft steht und bewusst aus der Mitte gerückt wurde, um die Komposition interessanter zu gestalten.
Ich muss zugeben, dass der Blick beim ersten Betrachten tatsächlich schnell auf diesen Baum fällt. Er ist deutlich präsent, hebt sich von seiner Umgebung ab und zieht durch seine Größe und Position Aufmerksamkeit auf sich. Damit könnte man ihn ohne Weiteres als Hauptmotiv bezeichnen.
Der Baum war jedoch nicht der Grund, warum ich dieses Bild aufnehmen wollte. Er war nicht der Ausgangspunkt meiner Bildidee. Was meine Aufmerksamkeit zuerst erregte, war die Farbe des Sees. Dieses kühle, blaugrüne bis smaragdgrüne Wasser wirkte einfach herrlich. Gleichzeitig gefiel mir die bunte Blumenwiese entlang des Seeufers, und ich wollte diese beiden Bereiche miteinander in Verbindung bringen.
Meine Bildidee entstand also aus dem Farbkontrast. Kalt gegen warm. Die kühlen Farben des Sees stehen den warmen und bunten Farben der Blumenwiese gegenüber. Solche Farbkontraste können Spannung erzeugen, Bereiche voneinander abheben und einem Bild zusätzliche Tiefe verleihen.
Der Baum kam erst danach ins Spiel. Ich suchte bewusst nach einem Element, das die Komposition stabilisiert, dem Bild Halt gibt und die verschiedenen Bereiche miteinander verbindet. Hätte das Bild auch ohne den Baum funktioniert? Vermutlich. Mit ihm wirkte es für mich jedoch interessanter und ausgewogener. Der leicht versetzte Baum trägt die Komposition und verhindert, dass die Fläche zu leer erscheint.
Für den Betrachter kann der Baum daher durchaus das auffälligste Element und damit das Hauptmotiv sein. Für mich als Fotograf war er jedoch nicht der eigentliche Auslöser des Bildes. Meine Aufmerksamkeit galt dem Zusammenspiel der Farben.
Genau deshalb spreche ich lieber von Aufmerksamkeit als nur von einem Hauptmotiv. Der Begriff beschreibt nicht nur, welches Objekt im Bild am stärksten hervortritt, sondern auch, was unsere Wahrnehmung weckt und eine Bildidee entstehen lässt. Das kann ein Baum sein, aber ebenso Licht, Farbe, Kontrast oder eine bestimmte Stimmung.
Wenn Licht, Bewegung und Struktur die Aufmerksamkeit bestimmen

Wo ist hier ein Hauptmotiv zu finden? Schwierig, oder?
Dieses Bild entstand am Hafen von Triest mit meiner kleinen Canon EOS M6. Die Wasseroberfläche präsentierte sich an diesem Abend dunkel, beinahe bedrohlich. Das Sonnenlicht, das sich stellenweise durch die Gewitterwolken kämpfte, setzte herrliche Akzente auf dem Wasser.
Dieses Zusammenspiel aus Licht, der dunklen, mystischen Wasseroberfläche und meiner eigenen Bildidee führte schließlich zu dieser Aufnahme. Stark vereinfacht gesagt, lag meine Aufmerksamkeit nicht auf einem einzelnen Motiv und auch nicht nur auf der Szenerie selbst. Sie lag vor allem auf der Idee, wie ich diese Szene fotografisch umsetzen wollte.
Als ich dort stand und die Wasseroberfläche betrachtete, fiel meine Aufmerksamkeit nicht in erster Linie auf das, was ich mit bloßem Auge sah. Vielmehr beschäftigte mich die Frage, was ich mit der richtigen Belichtungszeit daraus machen konnte.
Eine extreme Langzeitbelichtung hätte meine Bildidee ebenso zerstört wie eine sehr kurze Belichtungszeit. Gefragt war der richtige Mittelweg. Die Wellen sollten weich genug erscheinen, ohne vollständig zu verschwimmen. Gleichzeitig sollten sie noch genügend Struktur besitzen, ohne wie eingefroren zu wirken.
Ich brauchte genau die richtige Dynamik, um das Muster entstehen zu lassen, das ich vor meinem inneren Auge hatte. In Verbindung mit dem dezenten Sonnenlicht gelang es mir schließlich, ein Bild einzufangen, das mich anspricht.
Die Aufnahme geht bereits in Richtung abstrakter Fotografie und ist sicher nicht jedermanns Sache. Mir gefallen solche Bilder jedoch sehr. Vor allem reizt es mich, solche Situationen zu entdecken, sie fotografisch zu sehen und meine Vorstellung davon umzusetzen.
Warum du zwischen Hauptmotiv und Aufmerksamkeit unterscheiden solltest
Warum ist es überhaupt wichtig, zwischen Hauptmotiv und Aufmerksamkeit zu unterscheiden?
Gerade als Anfänger ist es durchaus sinnvoll, sich zunächst auf klar erkennbare und greifbare Hauptmotive zu konzentrieren. Ein Baum, ein Berg, ein Tier oder eine Person geben dem Bild einen eindeutigen Mittelpunkt und erleichtern den Einstieg in die Bildgestaltung.
Beschränkt man sich jedoch zu lange auf solche gegenständlichen Hauptmotive, schränkt man damit auch die eigene Sichtweise und Kreativität ein. Man hält ständig Ausschau nach einem Objekt, das man wirkungsvoll in Szene setzen kann, und übersieht dabei vielleicht all die anderen fotografischen Möglichkeiten. So wie die bewegte Wasseroberfläche im Hafen von Triest, die nicht durch ein einzelnes Objekt, sondern durch Licht, Struktur, Bewegung und meine Vorstellung vom späteren Bild interessant wurde.
Wer sich fotografisch weiterentwickeln, seinen Blick erweitern und interessantere Bilder gestalten möchte, sollte sich deshalb irgendwann von der Vorstellung lösen, dass ein Hauptmotiv immer ein klar erkennbares Objekt sein muss.
Viel wichtiger ist es, auf die eigene Wahrnehmung zu achten. Oft spüren wir zunächst nur, dass uns etwas interessiert. Eine Situation bringt uns dazu, stehen zu bleiben und genauer hinzusehen. Vielleicht ist es ein Objekt, vielleicht eine besondere Lichtstimmung, ein Muster, eine Farbe oder lediglich eine vage Vorstellung davon, was daraus entstehen könnte.
Etwas hat unsere Aufmerksamkeit erregt.
Genau dort beginnt die eigentliche fotografische Arbeit. Es liegt nun an dir, mit deiner Vorstellungskraft und Fantasie daraus ein Bild zu gestalten.
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Zu dem interessanten Thema ist wohl nichts hinzu zu fügen, ich sehe das genau so!! LG