Ich gebe Fotoworkshops schon seit vielen Jahren, und es gibt Fragen, die immer wieder gestellt werden – aber eine eher selten: Denkst du an all das, wenn du fotografierst?
Diese Frage bezieht sich auf all die Prinzipien und Methoden wie die Drittelregel, Fülle den Rahmen, Farbkontraste, das Reduzieren der Landschaft und so weiter. So vieles, was es zu beachten gibt. So viele Informationen und Blickwinkel, aus denen man die Fotografie betrachten kann.
Also, denke ich an all diese Dinge, wenn ich draußen unterwegs bin, den Thermobecher in der Hand, und auf Motivjagd gehe? Nein. Absolut nicht.
Das war nicht immer so. Auch ich war einmal ein verzweifelter Anfänger, auf der Suche nach dem heiligen Gral. Es gibt ja den Ausdruck „in Fleisch und Blut“ – also etwas, das man so verinnerlicht, dass man es automatisch, intuitiv macht. Aber wie kommt man von „Was soll ich da jetzt beachten?“ zu einem Bauchgefühl?
So genau wusste ich auch nicht, wie das funktioniert und was dahintersteckt, bis ich in dem Buch „Deep Work“ von Cal Newport auf die „Unconscious Thought Theory“ (UTT) stieß. In seinem Buch geht er nur kurz auf diese Theorie ein, aber meine Neugier war geweckt. Ich recherchierte also, was diese Theorie wirklich besagt.

Die Theorie stammt von Ap Dijksterhuis und baut auf der Idee auf, dass unser Gehirn bei bestimmten Aufgaben ohne bewusste Aufmerksamkeit weiterarbeitet, und dass dieses „unbewusste Denken“ in manchen Situationen bessere Entscheidungen liefern kann als konzentriertes Grübeln. Die UTT unterscheidet zwei Kategorien, bewusstes Denken (fokussiert, Schritt für Schritt, klare Regeln) und unbewusstes Denken (läuft im Hintergrund, eher ganzheitlich/assoziativ und soll bei komplexen Abwägungen helfen). Ein Aspekt der Theorie ist der Effekt „Deliberation Without Attention“ (DWA) bzw. „Unconscious Thought Advantage“. Laut diesem Effekt trifft man bessere Entscheidungen, wenn man für eine Zeit lang abgelenkt wird.
Bei einem Workshop oder bei einem meiner Vorträge gibt es Informationen geballt und in kürzester Zeit. Die Teilnehmer sind oft überfordert oder am Ende des Tages erschöpft. Gerade für Anfänger kann es danach oft verwirrender sein als zu Beginn. Es kann sogar sein, dass man, wenn man in die Materie der Bildkomposition eintaucht, für eine gewisse Zeit schlechtere Bilder macht. Man ist so fokussiert beim Fotografieren, an alles zu denken, nichts zu vergessen, und versucht alles richtig zu machen, ohne dass man es am fertigen Bild wirklich bemerkt. Bei einem einzigen Bild versucht man all das gehörte und gelernte anzuwenden, auch wenn dies gar nicht möglich ist. Man ist zu fokussiert auf die Theorie und wie man sie jetzt anwenden könnte, Unser Bewusstsein drängt uns, alle Informationen die wir gelernt haben abzurufen und anzuwenden, oder zumindest es zu versuchen alles anzuwenden. Aber Motive und Situationen sind einfach zu unterschiedlich als das alle Prinzipien sich anwenden ließen. Die Drittel Regel ist nicht immer die richtige Wahl aber wir versuche verzweifelt sie in einer unangebrachten Situation anzuwenden. Frust macht sich breit.
Warum ist das so? Warum kann man es nicht gleich umsetzen? Warum ist es so schwer die Informationen bewusst zu filtern und das richtige zu wählen? Die Theorie argumentiert so: Bewusstes Denken hat eine begrenzte Kapazität. Man kann nicht 30 Infos sauber beachten und verbinden, ohne dass es irgendwann kippt. Beim Grübeln neigt man dazu, einzelne hervorstechende Merkmale zu bevorzugen („die eine Methode ist mega!“) und den Rest zu vernachlässigen. Unbewusstes Denken soll Informationen eher integrieren und bei komplexen Entscheidungen, wie eben bei einer Bildkomposition, robuster sein. Diese Theorie ist nicht unumstritten. Viele Effekte konnten nicht nachgewiesen werden, und es konnte auch nicht klar bestimmt werden, was unbewusst und was bewusst entschieden wurde.

Aber kommen wir wieder zur Naturfotografie zurück. Ich glaube, auch wenn nicht klar bewiesen werden konnte, dass an dieser Theorie wirklich was dran ist, zumindest wenn es in den kreativen Bereich geht, also um das reine geistige Schaffen, passt sie als Erklärung erstaunlich gut. Hier sind Intuition und Bauchgefühl oft ausschlaggebend, um zum einen gute Arbeit, also Bilder, abzuliefern, und zum anderen echte Freude dabei zu empfinden.
Stell dir vor, du bist draußen unterwegs. Du kommst an einer schönen Szenerie vorbei, stellst die Kamera auf und dann geht’s los: Okay, Drittelregel… geht nicht. Goldener Schnitt… wie war das nochmal? Wo ist eigentlich die Aufmerksamkeit? Bin ich zu weit weg? Wie muss ich das machen?
Dieses “Muss“ ist der fade Beigeschmack, den ein Hobby ereilen kann, wenn man mehr darüber grübelt, als dass man macht. Und der Kaffee im Thermobecher wird dafür genutzt, den bitteren Geschmack des Versagens runterzuspülen. Fotografie soll Spaß machen, entspannen. Man soll nicht das Gefühl haben, zuerst die Kamera „bauen“ zu müssen.
Aller Anfang ist schwer – noch so ein abgedroschener Satz, aber er stimmt. Am Beginn ist es hart. Man verzweifelt, man will die Kamera am liebsten in die Ecke feuern. Man liest, man lernt und macht sich halb verrückt bei dem Versuch, eine Blume zu fotografieren. Das ist die unausweichliche Anfangsphase. Die Phase, die laut der „Unconscious Thought Theory“ dafür genutzt wird, das Unterbewusstsein zu füttern.
Beschäftige dich mit Bildkomposition, lies Bücher, schau Videos, betrachte Bilder und gib deinem Unterbewusstsein die Zeit, alles aufzusaugen. Mach dich nicht verrückt, wenn nicht alles bewusst hängen bleibt. Wiederhole es, lies oder schau es dir mehrmals an. Brenn dir die Informationen ins unbewusste Selbst.
Dazwischen geh raus und fotografiere, ohne großartig darüber nachzudenken. Gib deinem Gehirn eine Pause und genieße die Tätigkeit – das Fotografieren. Wenn du zuhause bist, betrachte deine Bilder, analysiere sie. Gefällt dir, was du siehst? Wenn nicht – warum? Versuch herauszufinden, was du besser hättest machen können, welche Prinzipien und Methoden du besser hättest anwenden können. Hätte das Hauptmotiv etwas größer im Bild sein können, also das Prinzip „Fülle den Rahmen“?
Lerne, füttere weiter dein Unterbewusstsein, um danach wieder alles zu vergessen und einfach nur draußen die Freude an der Fotografie zu genießen. Das Gehirn ist ein Muskel wie jeder andere auch, und es gibt so etwas wie „Muscle Memory“. Eine Tätigkeit, die man oft wiederholt, geht in Fleisch und Blut (hier ist er!) über. Je öfter und länger man sich mit Bildkomposition auseinandersetzt, bewusst, desto mehr bleibt im Gedächtnis, im Unterbewussten, und umso mehr kann man draußen automatisch, ohne großes Nachdenken, darauf zurückgreifen. Irgendwann ist es ein Gefühl, eine Intuition.

Aber dieses „Deliberation Without Attention“, also das Ablenkenlassen, ist nicht nur beim Erlernen der Fotografie ein Vorteil, sondern auch beim eigentlichen Ausführen draußen im Feld. Oft stand ich schon vor einer herrlichen Kulisse, fand aber keinen passenden Ausschnitt. Ich konnte das Gesehene in kein vernünftiges Bild umwandeln. Hier hilft es schon, die Kamera zur Seite zu legen, sich hinzusetzen, eine Tasse Kaffee oder Tee zu trinken, die Landschaft zu betrachten und die Umgebung auf sich wirken zu lassen, ohne großartig darüber nachzudenken, wie ich was fotografieren könnte. Man wartet auf diesen einen Moment, in dem die Landschaft zu uns spricht und sich offenbart. Bis sich die Bildkomposition ganz von allein anbietet.
Nicht nur einmal habe ich erlebt, dass ich an ein und demselben Ort immer wieder neue Motive und Bildausschnitte entdeckt habe. Je länger man sich an einem Ort aufhält, je öfter man ihn besucht, desto mehr findet unser Gehirn Bildkompositionen. Es sind wohl die Pausen dazwischen, vielleicht arbeitet unser Unterbewusstsein im Hintergrund an neuen Ideen, die man dann vor Ort umsetzen kann. Die vorderen Tormäuer im Naturpark Ötscher-Tormäuer waren früher quasi meine Schule, nicht weit entfernt und schnell besucht. Ich fotografierte dort unzählige Male. Ich kannte fast jeden Stein und jeden Strauch, aber jedes Mal kam ich mit neuen, frischen Kompositionen nach Hause. Oft entdeckte ich erst auf den Bildern daheim, was ich noch hätte machen können.
Gerade in der Lernphase hilft es, ein und denselben Ort zu besuchen. Man merkt den Fortschritt, kann Fehler korrigieren und erlebt keine Überraschungen. Man kennt den Ort, und man kann sich auf die Fotografie konzentrieren. Man experimentiert herum und kann Vergleiche anstellen. Werden die Bilder besser? Finde ich bessere und neue Bildausschnitte?
Mein Tipp für Anfänger, die sich gerade in die Materie der Bildgestaltung einarbeiten wollen. Sei nicht zu verbissen, wenn es anfangs nicht so laufen mag. Zu viele Faktoren spielen eine Rolle, warum ein Bild gut ist. Beschäftige dich mit der Theorie, analysiere deine Bilder, aber auch die anderer, und dann leg alles zur Seite und geh raus. Schnapp dir die Kamera und geh raus in die Natur, nimm dir Zeit und genieße.

Hallo, Jürgen! Dein Bericht hat mir sehr imponiert – die Analyse Bewusstsein/Unterbewusstsein gefällt mir besonders, da sie mir hilft, meine Erfahrung besser zu speichern. Danke – LG und Gut‘ licht Otmar aus dem Breisgau.
Hallo Otmar, vielen Dank!
Ja, es ist schon faszinierend, wieviel unser Unterbewusstsein auf unser Leben eigentlich Einfluss nimmt.
Grüße Jürgen