Es gibt diese Phasen, da liegt die Kamera zwar griffbereit herum, aber irgendwie passiert… nichts. Keine Motivation, keine Zeit, keine Lust, kein „Jetzt muss ich raus“. Bei mir waren es fast zwei Monate, in denen ich nicht wirklich fotografiert habe. Stattdessen befand ich mich zwischen Kursen, Prüfungen und Lernstress für meine Weiterbildungen in meinem Brotjob. Ich war mental ausgelaugt, müde. Und genau deshalb war ich diesmal erstaunlich entspannt, als ich Ende Dezember, kurz vor Weihnachten, wieder ins Gesäuse gefahren bin. Kein Plan, keine Erwartungen, einfach die Kamera schnappen und raus!
Bei meiner Freundin zu Hause waren die Bäume komplett mit Frost überzogen. So ein Anblick, der sofort dieses „Heute könnte was gehen“-Gefühl auslöst. Und weil das Gesäusetal normalerweise noch einmal kälter ist als die Regionen rundherum, war ich mir ziemlich sicher, wenn es irgendwo frostig ist, dann dort.
Kein Frost im Tal
Tja… im Tal selbst war dann genau kein Frost. Aber es sollte sich was auftun und das wortwörtlich. Ich marschierte beim Weidendom zu meiner gewohnten Location, zur Brücke und zum Bahnhof. Ich wollte nur mal sehen, was der Admonter Reichenstein so macht. Als ich dort ankam, lüfteten sich gerade die Wolken, gaben den Reichenstein frei und noch was anderes – Frost! Und zwar auf den bewaldeten Berghängen. In Verbindung mit den Wolken, dem Nebel und dem einfallenden Sonnenlicht herrschte eine Stimmung, besser hätte ich es mir nicht erhoffen oder vorstellen können.

Das beste Indiz dafür, dass eine Location, ein Motiv, eine Situation richtig gut ist, man fotografiert über längere Zeit immer dasselbe. Immer wieder die frostigen Wälder im Nebel, nur mit marginalen Abweichungen, die man später zu Hause kaum unterscheiden oder beurteilen kann. Normalerweise reichen ein paar Bilder und fertig. Aber herrscht so grandioses Licht, hört man einfach nicht auf zu fotografieren. Ich wusste, das wird zäh bei der späteren Bildsichtung zu Hause.
Irgendwann konnte ich mich dann doch lösen, marschierte zurück zum Auto und genoss mein kleines Frühstück. Während ich meinen Pistazienkrapfen verspeiste, dachte ich – wie viel Glück muss man haben, dass man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist? Ich bin nicht früh aufgestanden, hab sogar noch einige Dinge am Morgen erledigt, bevor ich Richtung Gesäuse gefahren bin, und noch eine andere Location besucht. Es war fast so, als ob diese Situation auf mich gewartet hat.
Zufrieden besuchte ich noch zwei weitere Locations im Gesäusetal, aber ohne großen Erfolg, was mich aber nicht sonderlich störte. Ich hatte ein paar richtig gute Bilder im Kasten, der Druck war weg und ich konnte mich entspannt dem restlichen Tag zuwenden. Gegen Mittag fuhr ich nach Admont zurück, besorgte mir eine Jause und genehmigte mir noch einen Kaffee in einem Café. Ich überlegte, was ich als Nächstes tun sollte. Nach Hause fahren? Ich meine, was soll heute noch passieren, um das von heute Morgen zu toppen! Ich entschied mich dann aber trotzdem, auf den Buchauer Sattel zu fahren.
Das wahre (frostige) Glück liegt weiter oben!
Als ich vom Tal immer höher kam, verwandelte sich die Landschaft in ein wahres Feuerwerk an Licht und Stimmung. Nebel hing tief in den Wäldern, während die Sonne hartnäckig versuchte, sich hindurchzukämpfen. Ich bekam schon einen Vorgeschmack darauf, was mich erwarten würde. Und als ich oben am Sattel ankam, übertraf es sogar meine Erwartungen von der Anfahrt. Der Nebel war oben zwar verschwunden, nur leichte Nebelschwaden zogen sich über die Landschaft, aber, es herrschte Frost – und nicht irgendeiner. So was habe ich noch nie erlebt. Der Frost hing messerartig an den Ästen, wie Segel auf einem Boot, zentimeterlang. Es war herrlich. Ich schnappte die Kamera, montierte sie hektisch auf das Stativ und rannte über die offene Wiese. Ein Bild nach dem anderen wurde auf den Chip gebannt. Es war herrlich!

Nachdem sich die erste Aufregung etwas gelegt hatte, fing ich an, die Gegend zu erkunden, nach weiteren Motiven und Ausschnitten zu suchen. Etwas mehr Gedanken in die Bildkompositionen zu legen. Ist man aufgeregt, ist es wichtig, dieser Aufregung erst mal freien Lauf zu lassen, um sich dann ruhig und entspannt ganz der Fotografie zu widmen.
Am Buchauer Sattel steht auch ein Baum, ein sehr markanter Baum. Ich versuchte ihn schon mehrmals zu fotografieren, hatte aber nie wirklich gute Bedingungen, um ihm gerecht zu werden. Das war heute anders. Mein ursprünglicher Blickwinkel, wo ich ihn als Ganzes und alleine aufs Bild bekomme, funktionierte nicht. Der Lichteinfall war einfach falsch, es kam keine Stimmung auf. Aber als ich meine Position um 90 Grad und circa hundert Meter änderte, war sie plötzlich da. Das flach einfallende Seitenlicht und der Nebel erzeugten eine mystische Szenerie, mit einer Mischung aus warmem und kaltem Licht. Der Baum wirkt plastischer, mit mehr Tiefe. Ich hatte ihn zwar nicht mehr als Ganzes auf dem Bild, aber genau das trug zur Bildwirkung bei. Der enge Bildausschnitt erzählt nur einen Teil der Geschichte des Baumes, lässt den Rest im Dunkeln und gibt nur einen kleinen Einblick in sein Leben.

Ich machte mich danach auf die Suche nach weiteren Motiven und Bildausschnitten, immer den traumhaften Frost im Sucher. Ich versuchte mich an Nahaufnahmen, fotografierte den Nebel, der sich durchs Tal zog und stellenweise nur Baumwipfel freigab. Ich war so beschäftigt mit der Suche nach weiteren Frostbildern, dass ich beinahe den Sonnenuntergang versäumt hätte.
Fast den Sonnenuntergang verpasst
Als ich auf die Uhr schaute, kam dann etwas Stress auf, nur mehr 20 Minuten bis Sonnenuntergang! Okay, wohin? Das Motiv war ungefähr klar, der Große Buchstein, der sich dominant am Buchauer Sattel präsentiert. Aber von wo aus? Ich habe in meinem Fotografenleben schon so viele Bergporträts fotografiert, vor allem in Österreich und noch viel mehr den Buchstein, dass etwas anderes her musste.
Bei meiner Erkundungstour wanderte ich auch durch ein Waldstück, von wo aus man immer wieder einen Blick auf den Großen Buchstein erhaschen konnte. Meine Überlegung war also, während ich schon auf dem Weg dorthin war, mich direkt in den Wald zu schlagen und den Berg im Hintergrund zu platzieren und das Waldgebiet als silhouettenhaften Vordergrund. Der dunkel-kühle, bläuliche Wald mit dem hell orange leuchtenden Buchstein im Hintergrund.

Ich versuchte einige verschiedene Bildausschnitte, jagte von einem Spot zum anderen, um den passenden Ausschnitt zu finden, während das Alpenglühen immer weniger wurde. Es wollte mir nichts so recht passen. Einmal ragte ein Ast in den Berg, ein anderes Mal teilte mir ein Baum das Bild in der Mitte. Vor Ort nicht recht glücklich über die Ausbeute, musste ich zu Hause aber feststellen, dass doch ein paar gute Bilder dabei waren.
Die Flamme brennt!
Diese Fototour nach so langer Pause war wieder Balsam für meine Seele. Sie gab mir die Bestätigung, dass meine Leidenschaft, mein Abenteurer, noch nicht ganz verkümmert war. Es loderte noch, wenn auch nur auf kleiner Flamme. Und nach diesem Abend wurde aus der kleinen Flamme wieder ein kleines Lagerfeuer, das es im neuen Jahr heißt, anzufachen. Zu einem wahren Freudenfeuer.



























Hallo Jürgen, noch ein gesundes kreatives und friedvolles 2026.
Mir haben deine Bilder von der Frost-Tour sehr gefallen. Ich merkte, dass du mit ganzem Herzen dabei warst. Mach weiter so und deine Seele wird jubeln. MfG Otmar aus dem Breisgau.
Hallo Otmar, vielen Dank. Dieser Tag war einfach nur genial, nichts geplant und auf gut Glück losgezogen und mit solchen Bildern nachhause.
Grüße Jürgen