Ich bekam einen Tag vor Weihnachten eine Email von Odhka Travel, es wären noch zwei Plätze frei für eine 21 tägige Mongolei Reise. Mein erster Gedanke – yesss, mach ich. Ich las den Reiseverlauf, Kharakorum, die mongolischen Urpferde oder die Adlerjäger. Nach dem lesen von diesem Reiseverlauf dachte ich – okay, hört sich gut an – aber!
Die Mongolei ist schon seit Jahren ein Traum von mir, seit ich das erste Mal “Art Wolfes Travels to the Edge“ gesehen habe, und zwar die Folge über die Mongolei. Diese Reise würde eigentlich jeden Aspekt abdecken, was mich an diesem Land so anzieht und trotzdem, je länger ich darüber nachdachte, desto mehr nahm die Begeisterung ab und Zweifel machten sich breit.

Wo liegt das Problem?
2005 unternahm ich meine erste größere Reise, es ging in die Slowakei mit Biosphere Expedition um in der Niederen Tatra Spuren von Wölfen und Bären zu suchen und zu dokumentieren. Es war eine Gruppenreise, viele verschiedene Charaktere und Typen trafen aufeinander und von ein paar wusste ich ehrlich gesagt nicht, was sie bei so einer Reise eigentlich wollten. Nach dieser Erfahrung schwor ich mir, nie wieder eine Gruppenreise. Dieser Vorsatz hielt bis 2008. Da wollte ich nach Alaska. Ich hatte keine Ahnung vom großen Reisen und wie es da drüben aussah, also entschied ich mich wieder für eine Gruppenreise. Und wieder schwor ich mir – nie wieder! Das Problem war vielleicht, dass es keine Fotoreisen waren und hier der Konflikt zwischen Fotograf und “normal“ Reisenden vorprogrammiert war.
Und genau das fürchte ich bei dieser Reise in die Mongolei, es ist eine Gruppenreise für “Normalos“. Also keine Hardcore Fotografen wie ich. Ich weiss, welche Probleme und welche Welten hier aufeinandertreffen und welche Konflikte hier man jeden Tag gegenübersteht. Ist das Grund Nummer 1?
Ja, ist mitunter auch ein Grund, aber ich fürchte, es geht noch tiefer. Das Alter? Früher habe ich vieles unternommen, viele Wanderungen, Abenteuer Reisen mit Wohnmobil oder Zelt. Fehlt mir dazu heute die Energie? Liegt es vielleicht an dem fehlenden Komfort? Bin ich verweichlicht, träge, faul geworden? Ist mein kleiner Abenteurer in mir verkümmert?
Laut einem Artikel bei PubMed Central, kann es durchaus an der fehlenden Energie liegen, oder eher an der Leistungsfähigkeit. Im Durchschnitt, und das war echt hart zu lesen, sinkt die Dauerleistung des Körpers im Schnitt um zirka 10% pro Jahrzehnt ab 25-30 Jahren. Die Regeneration dauert länger und Belastungen fühlen sich schneller teuer an (Schlaf, Jetlag, ungewohnte Aktivitäten, wenig Komfort). Das nennt man oft abnehmende „Resilienz“, der Körper erholt sich langsamer. Na toll! Das bedeutet aber nicht „man wird faul“, sondern, die Kosten pro Abenteuer steigen. Dein Gehirn rechnet Kosten-Nutzen. Hört sich auch nicht besser an.
Also ist es doch ein wenig ein Energie Problem? Aber warum haben Menschen wie Art Wolfe mit seinen über 70 Jahren noch so viel Energie, um im Jahr 10 Monate in der Welt unterwegs zu sein und Workshops abzuhalten?
Verschieben sich die Prioritäten mit dem Alter?
Begeben wir uns mal kurz auf die Couch und sehen uns die psychologische Seite mal an.
Einer der stärksten Theorien aus der Alternspsychlogie – Socioemotional Selectivity Theory (SST), wenn Menschen Zeit stärker als begrenzt wahrnehmen (was oft mit dem Älterwerden passiert), priorisieren sie eher emotional sinnvolle, stimmige Ziele statt das reine Abenteuer. Und wie ich das Gefühl habe, dass die Zeit begrenzt ist, und nicht nur das, sie vergeht auch schneller. Früher hätte mich der Reiz allein getragen. Heute will ich, dass es wirklich passt. Die Mongolei ist ein Traum, aber die Form (Gruppenreise für Normalos) bedroht die Qualität meiner Erfahrung. Meine Schweden Reise im September 2024 war so ein Abenteuer wo alles gepasst hat. 7 Tage in einem Camper durch die Wildnis Schwedens. Alleine im hohen Norden, kein Anderer der mich aufhält oder kritisiert, dass ich an einem Baum schon über eine halbe Stunde herum fotografiere.

Vielleicht ist weniger „Ich will nicht mehr“, sondern eher: „Ich will es, aber nicht um jeden Preis.“
In der Motivationspsychologie (Self-Determination Theory – was für ein Begriff) ist Autonomie einer der zentralen Treiber für gute, stabile Motivation. Wenn Autonomie fehlt (Tempo, Motive, Tagesrhythmus), kippt Motivation oft in Widerstand oder Erschöpfung. Also ich interpretiere hier mal Widerstand mit Sturheit, und, oh Mann, ich kann Stur sein.
Für Fotografen ist Autonomie extrem wichtig, Licht wartet nicht, eine Gruppe auch nicht.
Die Begeisterung kippte erst beim Nachdenken, ein Klassiker. Zuerst fährt einem das Dopamin in die Hirnschale, Mongolei, yesss, und auch noch zu einen vernünftigen Preis. Dann denkt man nach, mein großes Problem, sieht sich das genauer an. Es kommt die Erwachsenenabteilung (also Spaßkiller) im Kopf und sagt: „Moment… 21 Tage… Gruppe… Kompromisse… Konflikte…“
Ist es ein Verrat an meinen inneren Abenteurer? Oder ist es die Erfahrung die einfach nur ein Muster erkennt?
Vielleicht habe ich mich etwas zu sehr mit dem Älterwerden beschäftigt, zu viel gelesen, aber wenn sich plötzlich Prioritäten, Leidenschaften und das eigene Verhalten ändern, fragt man sich natürlich woher das kommt. Was ist daran Schuld?
Mit dem Älterwerden verändert sich nicht nur der Körper, sondern auch die Motivation. Weniger ‚Hauptsache neu‘, mehr ‚Hauptsache es passt‘.
Was sich wie Trägheit anfühlt, ist oft eine genauere Kosten-Nutzen-Rechnung. Energie, Schlaf und Regeneration sind plötzlich eine echte Währung. Wenn mir auf Reisen Autonomie fehlt, wann ich losgehe, wie lange ich bleibe, worauf ich warte, dann frisst das Motivation, selbst bei einem Traumziel. Früher waren die Flüge für mich keine Problem, ich genoss sie sogar bis zu einem gewissen Teil. Aber meine letzten Flugreisen waren ein Gräuel, das Warten, einchecken und Sicherheitskontrollen, das herumschleppen der Fotoausrüstung und hoffen, das man nicht zu schwer ist. Ich bin zu alt für diesen Sch….!
Art Wolfe und Ich
Um nochmal auf Art Wolfe zurückzukommen. Vielleicht liegt der Unterschied zwischen ihm und mir also weniger im Alter als im Alltag. Art Wolfe hat sein Leben um das gebaut, was ihm Energie gibt. Reisen, Fotografieren, Unterwegssein – das ist nicht der Ausgleich zu seinem Job, es ist sein Job. Er bestimmt Tempo, Dauer und Intensität. Ich dagegen arbeite Vollzeit in einem körperlich fordernden Beruf, mit fixen Zeiten, begrenztem Urlaub und nur wenigen Wochen im Jahr, in denen alles Platz finden muss: Beziehung, Familie, Erholung und natürlich die Fotografie. In diesem Kontext fühlt sich eine 21-tägige Gruppenreise nicht wie Freiheit an, sondern wie eine zusätzliche Belastung. Vielleicht bin ich also nicht energielos. Vielleicht bin ich einfach realistisch. Und vielleicht ist der Unterschied zwischen uns nicht, dass sein innerer Abenteurer lebendiger ist als meiner, sondern dass er ihm mehr Raum geben kann.
Wie auch immer ich mich entscheide, ob ich das Angebot annehme oder ich mich doch für eine anderes Ziel entscheide, eines, dass sich mehr nach “passend“ anfühlt, werdet ihr sicher erfahren.
Als ich damit angefangen habe, mich damit zu beschäftigen, warum ich anscheinend Gefahr laufe ein Couch Potato zu werden, lief das Ganze etwas aus dem Ruder und ich erfuhr mehr über mich als mir vielleicht lieb war. Aber besser man weiss bescheid und kann an den Stellrädern drehen, als ewig im Dunklen herumzuirren. Wenn du dich ähnlich fühlst oder es nachvollziehen kannst, dann schreibe mir wie du damit umgehst oder umgehen würdest.

Hallo Jürgen,
Welch toller Blogbeitrag. Du hast mir aus der Seele geschrieben. Ich verstehe es so gut und kann deine Überlegungen nachvollziehen und noch besser nachfühlen.
Ich bin ein Stück älter als du, ticke aber gerade genauso.
Mein Rat wäre: ….
Grüße aus dem Schwarzwald
Hans
Hallo Hans, ja , das älter werden beziehungsweise die Veränderungen die damit einhergehen, sind nicht einfach zu akzeptieren. Aber es gibt für alles eine Lösung und Hoffnung 😁
Grüße Jürgen