Wistman’s Wood im Dartmoor Nationalpark war einer der Hauptgründe, warum ich überhaupt nach England gereist bin. Dieser kleine, uralte Eichenwald stand schon lange auf meiner Wunschliste. In meinem Kopf hatte ich eine sehr klare Vorstellung davon, wie es dort aussehen „muss“, dichter Nebel, düstere Stimmung, weiches Licht, alles ein bisschen märchenhaft, mystisch, fast unwirklich.
Die Realität an diesem Tag sah ein wenig anders aus.

Zu hohe Erwartung
Die Wettervorhersage für den Tag war eigentlich vielversprechend. Bewölkt, kaum Sonne, also perfekte Bedingungen für Waldfotografie. Als ich mich morgens auf den Weg machte, sah der Himmel auch zunächst noch so aus, als würde das passen. Doch nach und nach riss die Wolkendecke auf und die Sonne kämpfte sich durch.
Je näher ich Wistman’s Wood kam, desto klarer wurde mir – das wird heute nichts mit düster-mystischer Stimmung. Als ich schließlich am Parkplatz ankam, begrüßten mich strahlend blauer Himmel und volle Sonne. Für einen Strandtag wäre das traumhaft gewesen – für einen verwinkelten, moosbewachsenen Märchenwald leider eher das Gegenteil von ideal.
Das ist genau der Moment, in dem Erwartungen zum Problem werden. Vor der Reise hatte ich mich intensiv mit Bildern von Wistman’s Wood beschäftigt. Fast alle Fotos, die ich kannte, waren im Nebel aufgenommen, verträumt, mystisch, mit viel Tiefe und Atmosphäre. In meinem Kopf war das „der“ Wistman’s-Wood-Look. Und genau diese Stimmung wollte ich natürlich auch fotografieren.
Nur hatte die Natur an diesem Tag andere Pläne.
Fotografieren als Aussenstehender
Ein weiterer Punkt, der die Sache nicht einfacher machte, man darf Wistman’s Wood selbst nicht betreten. Der Wald ist geschützt, und das ist auch richtig so. Betreten ist nicht erlaubt, man darf nur außen herumgehen und von dort aus fotografieren.

Das bedeutet, kein Eintauchen zwischen die Bäume, kein mitten-drin-Gefühl mit dem Weitwinkel, keine Perspektiven direkt im Herzen des Waldes. Stattdessen steht man außerhalb und blickt in dieses knorrige, moosige Chaos hinein, mit viel Abstand und immer mit einem gewissen „Störfaktor“ im Vordergrund.
Spätestens an dieser Stelle war mir klar, mit dem klassischen Weitwinkel komme ich hier nicht sehr weit. Von außen mit 16 oder 20 mm in so einen dichten Wald hinein zu fotografieren, ergibt nur selten gute Bildkompositionen. Alles wirkt unruhig, durcheinander und man bekommt die ganzen Äste, Lücken und grellen Sonnenflecken kaum unter Kontrolle.
Also griff ich wieder zu längeren Brennweiten. Dem 24–105 mm und vor allem dem 70–200 mm. Mit diesen Objektiven konnte ich deutlich tiefer in den Wald hineinzoomen und mir gezielt kleine Ausschnitte herauspicken. Enge Bildkompositionen, in denen ich versuchte, das harte Sonnenlicht halbwegs in den Griff zu bekommen, oder zumindest auf Bereiche zu konzentrieren, wo es nicht alles kaputt machte.
Arbeiten mit der Sonne
Waldfotografie bei Sonnenschein, noch dazu bei wolkenlosem Himmel, ist immer eine Herausforderung. In einem so chaotischen Wald wie Wistman’s Wood wird das Ganze fast zur unmöglichen Aufgabe. Überall helle Flecken, harte Kontraste, grelle Spitzlichter, und dazwischen tiefe Schatten, in denen Details absaufen.

Also suchte ich gezielt nach Szenen, in denen das Licht etwas gleichmäßiger war. Stellen, wo Äste und Blätter das Sonnenlicht ein wenig brechen oder wo der Schatten dominierte und die hellen Flecken zumindest nicht mitten ins Motiv fielen. Gleichzeitig war ich permanent am Beobachten, ob sich nicht doch eine Wolke vor die Sonne schiebt.
Und tatsächlich, ab und zu verdeckte eine verirrte Wolle die Sonne, nicht für lange, aber ausreichend um das ein oder andere Bild zu bekommen. Diese kleinen Pausen nutzte ich konsequent, um möglichst viele Aufnahmen zu machen. Wenn man schon kein Wunschlicht bekommt, dann muss man das, was man kriegt, maximal ausreizen.
Am Ende des Tages hatte ich einige Bildkompositionen, mit denen ich, unter den Umständen, durchaus zufrieden bin. Es sind andere Bilder geworden, als ich mir im Vorfeld erträumt hatte, aber nicht unbedingt schlechter. Nur anders.
Warum Wistman’s Wood Nebel braucht
Trotzdem bleibe ich dabei, Wistman’s Wood ist ein Ort, der für Nebel gemacht ist. Die knorrigen Äste, der dichte Bewuchs, die moosbedeckten Steine, all das schreit förmlich nach diffuser, weicher Beleuchtung. Ohne Nebel oder zumindest dichte Bewölkung wirkt der Wald fast zu hart, zu unruhig, zu grell. Man sieht zwar, wie besonders dieser Ort ist, aber man bekommt die Stimmung nicht so eingefangen, wie man sie aus den klassischen Bildern kennt.

Ich würde sogar so weit gehen und sagen, für die typische, mystische Wistman’s-Wood-Atmosphäre ist Nebel eigentlich Pflicht.
Unter strahlendem Sonnenschein funktioniert dieses Waldstück fotografisch kaum, unter normal bewölktem Himmel wahrscheinlich auch nur bedingt. Es braucht diese Schicht aus Nebel, die das Chaos im Wald etwas beruhigt, den Kontrast reduziert und der ganzen Szene Tiefe und Magie verleiht.
Zeit, Wetter und der Faktor Glück
Ein weiterer Punkt, den man bei solchen Locations nie vergessen darf, ist der Faktor Zeit. Ich hatte für meinen England-Trip nur begrenzt Tage zur Verfügung, und meine Zeit im Dartmoor war entsprechend knapp. Ich konnte nicht einfach sagen: „Ich warte jetzt so lange, bis genau die richtige Nebelstimmung kommt.“ Das ist ein Luxus, den man auf Fotoreisen selten hat.
Auch als ich schon wieder auf dem Rückweg nach Hause war, hätte es laut Wetterbericht keine wirklich passenden Bedingungen gegeben. Selbst wenn ich ein, zwei Tage länger geblieben wäre, hätte ich vermutlich trotzdem kein Glück mit Nebel gehabt.
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieses Tages. Man kann sich perfekt vorbereiten, Bilder studieren, zur richtigen Location reisen und trotzdem mit Bedingungen konfrontiert werden, die einfach nicht passen. Und dann bleibt einem nichts anderes übrig, als das Beste daraus zu machen, oder die Kamera auch mal kurz im Rucksack zu lassen und den Ort einfach so auf sich wirken zu lassen.
Ein Ort für ein „Nächstes Mal“
War ich enttäuscht? Ja, ein Stück weit auf jeden Fall. Ich hatte mir Wistman’s Wood ganz anders vorgestellt. Aber gleichzeitig war es auch spannend zu sehen, wie sehr Wetter, Licht und Erwartungen die eigene Wahrnehmung und Zufriedenheit beeinflussen.
Ich habe an diesem Tag keine Bilder gemacht, die man aus den typischen Wistman’s-Wood-Galerien kennt. Aber ich habe gelernt, wie sensibel dieser Ort auf Licht reagiert, wie wichtig Nebel für seine Wirkung ist, und dass ich definitiv noch einmal wiederkommen möchte. Mit mehr Zeit. Und hoffentlich mit genau dem Wetter, das dieser kleine, mystische Wald verdient. Aber wann und ob überhaupt, kann ich nicht sagen
Bis dahin bleiben mir ein paar solide Bilder, eine wichtige Erfahrung und ein Ort, den ich ganz bestimmt nicht zum letzten Mal besucht habe. So hoffe ich!
Wer gerne Bilder im Nebel von diesem Ort sehen möchte, sollte unbedingt die Webseite von Neil Burnell besuchen












